Von Rosi und anderen Ohrwürmern

Ein grüner Plüschwurm liegt auf der Schulter und nimmt Kurs aufs Ohr

Schon wieder sucht ein Ohrwurm ein Zuhause

Ich bin äußerst ohrwurmanfällig. Nun könnte man meinen, es gebe Schlimmeres in Sachen Würmern, fiese Viecher, die andere menschliche Dark Rooms als Location bevorzugen. Doch wem wie mir ständig akustische Zumutungen (manchmal sind natürlich auch nette Exemplare der Spezies Ohrwurm dabei) den Gehörgang hausbesetzen, versteht das Elend…

Frei nach Morgenstern & Reichel: Ich kriech dir in den Schädel

Ich muss nur einmal bei C&A vorbeigehen. Da krabbelt mir dann ein Würmchen namens Yessica, eine der C&A-Marken, direkt ins Hörzentrum, wo es von Stund an grölt wie ein besoffener Kegelclub auf Malle-Fahrt: Sie hieß Jäääääässica, einfach Jä-hääää-ssica. Später am Abend, als auch ich zu einem Glas Wein greife, sehe ich das Etikett „Gutedel“. Gut und edel, boah, da bekommt Yessica sofort Gesellschaft von Achim Reichel, Christian Morgenstern und Sophie. In dem vertonten Gedicht heißt es nämlich über das Henkersmädel, es sei „gut und edel“. Wie unser Wein heute! Sofort müssen wir endlich mal wieder Achim Reichel hören. Als Fans haben wir ziemlich viele CDs, das dauert, und um Sophie, die langsam Yessica aus dem Ohr geschubst hat, scharen sich die Amazonen mit „Rette sich wer kann, Amazonen greifen an!“ und die von mir etwas umgetextete Zeile aus „Wahre Liebe“: „Die Strömung trieb mich ans Ufer, und seitdem liege ich brach“.

Vielleicht mal das Gehirn defragmentieren?

Ach, ich wollte, das gälte auch für meine Ohrwurmfarm. Wahrscheinlich haben Menschen, die sich beruflich und auch sonst sehr viel mit Worten beschäftigen, einfach einen guten Humus in ihrem Kopf, auf dem die Würmchen blühen, wachsen und gedeihen. Denn einerseits sind wir ja zwingend auf Assoziationen und ein Gedächtnis, das nichts so leicht wieder hergibt, was es sich einmal einverleibt hat (ob frei- oder unfreiwillig!) angewiesen, um zu formulieren und uns etwas auszudenken. Andererseits würde ich sehr gerne häufiger meine ganz persönliche Festplatte defragmentieren, um überflüssiges Zeug loszuwerden, aber nur, wenn ich den ganzen Kram zuvor auf einen externen Speicher kopieren könnte. Man weiß ja nie.

Die herzlose Rosemarie

Kürzlich war ein Ohrwurm namens Rosemarie bei mir zu Gast. Ich hatte über einen Männerchor gelesen, der sich selbst zu Tränen rührt, wenn er inbrünstig „Rosemarie“ von einem Herrn namens Fred Bertelmann intoniert. Ich konnte es sofort hören: Roooosemariiieee, Rooooosemariiieee, siiie-ben Jah-re mein Herz nach die schriiieee. Keine Ahnung, warum ich die Melodie kenne. Oder warum es genau sieben Jahre sind. Jedenfalls hörte die herzlose Rosemarie nicht auf das schreiende Organ. Oder sie überhörte es. Jetzt ist das arme Herz alt und bald schon kalt und das ist tieftraurig. Bestimmt hatte Rosemarie auch Heerscharen von Ohrwürmen, die so laut waren, dass sie einfach den Ruf des Herzens nicht vernahm.

Der Rosi-Schock

Ein früherer Kollege hatte eine Jugendliebe namens Rosemarie, liebevoll Rosi genannt, die ihm auch das Herz brach. Über Rosi kam er nie so richtig hinweg, trotz seiner nicht gerade geringen Anzahl an Unrosis. Seine zwar nicht mehr amtierende, jedoch noch öffentlich-rechtliche Ehefrau rächte sich eines Tages. Sie kannte natürlich die Rosi-Geschichte zur Genüge. In ihrem Turnverein gab es auch eine Rosi, und siehe da, die Welt ist wie immer klein. Rosi war inzwischen, Jahrzehnte später, zu einer Riesenrose ausgewachsen, prall und rund und ebenso gealtert wie ihr früherer Kumpel natürlich auch! Eines Abends nahm die Gattin Rosi einfach mit nach Hause. Nein, so eine Überraschung, da würde sich – nennen wir ihn Karl – aber freuen! Die Damen klingelten, die Gattin grinste perfide, Rosi strahlte Karl an – er erkannte sie nicht so schnell wie seinerzeit im biblischen Sinne und schlug, als der (damals noch) Groschen fiel, vor lauter Entsetzen die Tür zu. Ob ein ehrlicher Blick in den Spiegel ihm bei der Einsicht half, dass er auch nicht mehr wie Adonis aussah, sondern wie ein Grieche der ersten Generation Gastarbeiter, der versehentlich in Wanne-Eickel hängengeblieben ist statt zufrieden unter dem Olivenbaum zu liegen, ist nicht überliefert. Oh nein, den griechischen Wein werde ich heute nicht mehr los. Jedenfalls solange nicht, bis ich die Erkennungsmelodie des Schrottwagens höre, die eine Tonfolge gemeinsam mit „Pust vsjegda budjet ßonße“, das im Schul-Russischbuch stand: „Möge immer die Sonne scheinen“. Heute scheint sie auch. Da könnte ich die Ohrwürmer doch eigentlich draußen aussetzen! PS: Wer die Noten zu Pust vsjegda … hat, maile sie mir bitte.

 

 

 

 

 

Alles für den Kater!

Da startet meine Menschin das weibliche LOL und was kommt? Erstmal nix! Aber bevor Sie meckern: Ich nehme alle Schuld auf mich.

Denn in der jüngsten Vergangenheit hat sie im Schweiße ihres Angesichts (der dann immer auf mein Fell tropfte, echt lästig) zwei Bücher mit herausgegeben. Ich will ja nicht angeben, doch auf dem Titel von Band 1 bin ich zu sehen. Und in Band 2 ist ein Gedicht über mich (ganz im Vertrauen – da steht zwar die Petra als Autorin, aber Ghostwriter bin natürlich ich, haben Sie sich sicher schon gedacht). Und dann organisiert sie auch noch ‘ne Lesung … kostet ja alles Zeit, und für Geld muss sie schließlich auch noch schreiben. Das, was bei den Büchern rauskommt, ist ja alles für die Katz, nämlich den Hattinger Katzenschutz e. V. Ich, Tiger, schreibe das hier natürlich auch absolut ehrenamtlich. Kost und Logis kriege ich ja sowieso.

Versprochen: Ab Anfang September (2012 natürlich!) lässt sie sich dann endlich regelmäßig über alles aus, was ihr so durch den Kopf geht oder zuläuft. Genau wie ich vor fünf Jahren, wobei zulaufen nicht ganz richtig ist; die sind einfach zum Hattinger Katzenschutz gekommen, sie und ihre Familie, und haben mich mitgenommen. Nett gefragt haben sie vorher, das muss man ihnen lassen. Gut getroffen hab ich es bei denen auf jeden Fall. Und bevor denen das noch zu Kopf steigt, ist jetzt Schluss mit der Sülzerei; außerdem kommt sie jetzt gerade wieder ins Arbeitszimmer und ich soll eigentlich nicht an den PC. Hi hi, ich weiß gar nicht, ob sie und die Verlegerin schon gemerkt haben, dass ich heimlich so manche Geschichten und Gedichte verändert habe. Ich freu mich schon drauf, wenn die bei der Lesung plötzlich was ganz anderes lesen, auch wenn ich nicht dabei bin! Wie bei Emil und die Detektive, als die Kinder die Predigt umgetextet haben. Vielleicht sind Sie ja jetzt neugierig geworden? Dann besuchen Sie meine Kuschelpartnerin doch einfach auf www.textwecker.de, da finden Sie die Bücher und die Lesetermine.

Bis bald, Ihr und euer Tiger!